Über Regierungen

und über Regierte

„Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient.“ Diesen Ausspruch tätigte der französische Philosoph und Staatsmann Joseph de Maistre im Jahre 1811. Die Aussage ist nicht immer und auch nicht überall richtig, hat aber einen sehr wahren Kern. Ich ergänze dazu noch, daß eine Regierung ihrem Volk auch ähnelt. Jedenfalls in einer Demokratie und in einer solchen würde ich diese Ähnlichkeit ja auch erwarten. In der Diktatur zählt das natürlicherweise so nicht. Kein Land hat eine Diktatur verdient und sie ist für mich auch keine effiziente und schon gar keine natürliche Regierungsform. Ungleichheit und Herrschaft kamen erst mit der Arbeitsteilung auf. Das ist aber eine andere Geschichte.

In Deutschland beispielsweise mögen die Menschen keine Veränderungen. Jedenfalls keine abrupten. Deshalb muß eine Regierung dort Veränderungen sehr vorsichtig und langsam einführen. Das geht dann immer sogar soweit, daß der politischen Notwendigkeit einer Gruppe etwas wegzunehmen damit einhergeht, diese Gruppe anderweitig sofort zu kompensieren. Und die Deutschen mögen auch keine Überraschungen. (Ich spreche hier immer vereinfacht nur über eine Mehrheit. Ausnahmen gibt es davon natürlich zuhauf.) Deshalb kaufen die Deutschen Fertighäuser, buchen Pauschalreisen und haben gegen und für alles eine Versicherung, häufig sogar gleich deren zwei. Und so geht Deutschland alle vier Jahre zur Wahlurne um die Regierung im Amt zu bestätigen. Mit kleineren Ausnahmen. Das Ergebnis ist somit nicht nur bekannt, sondern ist auch irgendwie gemütlich.

In der Vereinigten Staaten brauchen die Menschen meist nicht so eine Einförmigkeit. Der Wandel ist eher Teil des Lebens. Man wechselt hier viel leichter die Arbeit und den Wohnort und damit auch Freunde und alltägliche Gewohnheiten. Erstaunlicherweise ändern nur wenige Leute bei der Wahl einmal auch die Seiten. Daher kommt es bei einer Wahl meistens nicht besonders darauf an, Menschen zu überzeugen sondern vielmehr die eigene Anhängerschaft zu motivieren und zu mobilisieren an die Wahlurne zu gehen. Damit vollbringen die US-Amerikaner das Kunststück, eher konservativ jedoch zugleich auch sehr beweglich zu sein. Viele Menschen verlassen sich dort lieber auf sich selbst, denn auf eine Regierung. Die Regierung und der Staat soll dabei auch gar keinen so großen Einfluß auf das Leben ausüben. Daher dürfen ruhig einige Repräsentanten des Systems recht extravagant sein. Um es vorsichtig auszudrücken.

Falls Sie tschechischer Nationalität sind und gleichzeitig kein Interesse an der Meinung eines unwissenden Ausländers haben, sollten Sie nun nicht mehr weiterlesen.

In Tschechien ist die Situation etwas komplexer. Die Denokratie hier ist vergleichsweise jung. In den Vereinigten Staaten existiert sie schon mehr als 200 Jahre, in Deutschland (vom vorher genannten Staat mit eingeführt) immerhin schon 70 Jahre. Jedenfalls gilt das für die alte BRD. Die Tschechinnen und Tschechen können erst seit 30 Jahren über ihr politisches Schicksal frei bestimmen. Vorher hatte lange eine andere Macht die Kontrolle über das Land. Am Längsten war Tschechien dabei Teil der Habsburger Monarchie. Nicht unbedingt immer freiwillig. Davon zeugen die verschiedenen Kriege mit denen Tschechien zwischendurch seine Unabhängigkeit erlangen wollte. Erst nach dem ersten Weltkrieg entstand die erste Republik, die 20 Jahre währen durfte. Danach kamen die Deutschen und wüteten in Tschechien, welches sie als „Protektorat Böhmen und Mähren“ bezeichneten. (Anmerkung: Sie sollten auch nicht „Tschechei“ sagen. Das hat wegen der NS-Diktatur einen faden Beigeschmack.) Nach dem zweiten Weltkrieg kam Tschechien dann in die Einflusssphäre der Sowjetunion und mußte weitere 40 Jahre auf eigenständige Entscheidungen warten.

Die Geschichte ist sicherlich ein Grund warum viele Tschechen dem Staat und seinen Einrichtungen ein gewisses Mißtrauen entgegen bringen. Der Staat wird hier nach wie vor als ein Instanz betrachtet, die dem einzelnen nicht unbedingt etwas gutes tun will. Wenn man den Staat nicht unbedingt bekämpfen muß, so tut man doch gut daran seiner Einflusssphäre auszuweichen. Unter den Kommunisten war man oft abhängig von Beziehungen, falls man etwas außerhalb der Reihe haben wollte. Urlaubsreisen, besondere ärztliche Behandlung, Material für das Wochenendhaus, Eintrittskarten für eine besondere Veranstaltung, usw. Falls man etwas einzutauschen hatte, war das sicherlich von Vorteil. Ansonsten half manchmal auch Geld weiter. Und diese Einstellungen halten sich bis auf den heutigen Tag. Kleine Gefälligkeiten sind immer noch üblich. Und Regeln und Gesetzte werden durchaus oft eher als Handlungsempfehlungen aufgefasst. Besonders in der Corona-Zeit ist das gut zu beobachten. Die Regeln hier sind ähnlich streng wie überall anders in Europa. Ich habe aber den Eindruck, daß die Bevölkerung diese weniger streng beachtet oder zumindest flexibler interpretiert. Daher hat Tschechien in Europa fast die höchsten Zahlen sogar im weltweiten Vergleich. Dank dem ausgezeichneten Gesundheitssystem sind die Folgen bisher nicht so furchtbar.

Trotzdem beliebt es vielen Leuten hier, sich ausgiebig über die Regierung zu beschweren. Der Schriftsteller Karel Čapek erkannte diesen Zwiespalt schon zu Zeiten der ersten Republik. Die Tschechen verachten jede Form von Autorität und sind daher äußerst einfallsreich darin, sie zu umgehen. Gleichzeitig aber erwarten sie, dass all ihre Probleme von der Obrigkeit gelöst werden. Und das stimmt auch heute noch so. Während der Pandemie würde die Regierung nichts richtig machen. Ob die Obrigkeit nun gar keine Maßnahmen ergreift oder strenge Maßnahmen. Im Grunde ist es immer falsch. Und außerdem seien Politikerinnen und Politiker ja meistens korrupt. Stimmt das?

Auf dem Index der gefühlten Korruption von Transparency International nimmt Tschechien jedenfalls Platz 49 ein. Nachbarn in diesem Bereich sind Italien und Ruanda. Das wirkt nicht besonders schmeichelhaft. Ich denke, die Bestechlichkeit fängt nicht in der Politik an. Und hört dort auch nicht auf. Lediglich der Fokus der Medien ist in diesem Bereich viel stärker. Die Bestechlichkeit lebt überall in der Gesellschaft und ein Kampf dagegen fängt bei jedem Einzelnen an.

Die Regierungen sind eben gewöhnlich nicht besser als die Regierten.

Ein Kommentar zu “Über Regierungen

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