Unterschiede zwischen Tschechen und Deutschen

„Ich würde den Kinderwagen hier draußen nicht stehen lassen. Wir sind ja nicht in Deutschland“, empfahl mir ein Freund als wir gerade einen Blumenladen an einem Friedhof betreten wollten. Der Friedhof liegt nicht gerade in einer belebten Gegend, es waren kaum Leute unterwegs und diejenigen, die wir sahen, machten auch nicht den Anschein, daß sie gerade dringend einen leeren Kinderwagen benötigten oder sich einen durch Diebstahl aneignen wollten. Außerdem hatten wir immer nur gebrauchte Exemplare, die noch maximal ein weiteres Kind überleben würden. Und dieser hier reiht sich in diese Reihe eindeutig ein. In Deutschland hatte ich den Kinderwagen häufig vor Geschäften, Cafés und anderen Einrichtungen abgestellt. Nie war einer weggekommen und ich hatte auch noch von keinem gestohlenen Kinderwagen in der weiteren Umgebung gehört. So fragte ich mich natürlich, warum die Tschechen (und ich hatte ähnliche Ratschläge schon an anderer Stelle gehört) derart mißtrauisch gegenüber ihren Zeitgenossen sind. Das mußte ich herausfinden.

In Deutschland wurden im Jahre 2016 etwa 6,37 Millionen Straftaten registriert. Das bedeutet, daß ungefähr jeder dreizehnte Einwohner Opfer einer solchen wurde oder zumindest irgendwie darin verwickelt war. Im gleichen Zeitraum gab es in Tschechien etwa 0,22 Millionen Straftaten. Mithin war nur etwa jeder neunundvierzigste betroffen. Es scheint, daß sich die Länder aber bei Gewalttaten mit Todesfolge sehr ähnlich sind. Etwa 0,6 bis 0,7 Fälle werden in beiden Ländern pro 100.000 Einwohner registriert. Damit befinden sie sich aber auch im guten europäischen Durchschnitt.

Warum also trauen die Tschechen ihren Landsleuten nicht? Dazu habe ich leider noch zu wenig Informationen um darüber zu spekulieren. Falls ich noch mehr in Erfahrung bringe, werde ich in einem weiteren Beitrag davon berichten. Es liegt bestimmt irgendwie in der Kultur und in der Vergangenheit.

Ansonsten sind sich Tschechen und Deutsche recht ähnlich. So zumindest erzählte es ein Freund hier. Auf beiden Seiten der Grenze packen Radsportbegeisterte Vorräte und Kleidung auf Fahrräder und machen damit ausgedehnte Touren, die sich über mehrere Tage erstrecken können. Das machen sonst nur wenige Völker. Falls Sie einmal in Kombodscha einem Fahrrad mit dicken, regendichten Packtaschen begegnen sollten, dann können Sie mit hoher Sicherheit davon ausgehen, daß Sie es mit Deutschen zu tun haben. Und wenn doch nicht, dann sind es entweder Schweizer oder Tschechen. Auch die Wanderlust ist hier stark ausgeprägt, wozu es in herrlichen Gegenden auch reichlich Gelegenheit gibt. Die Männer hier rennen zudem genauso jeden Samstag in den Baumarkt, kaufen Werkzeug und Material, um damit dann den ganzen Tag am und im Haus herumzubasteln Oder in der Hütte. Das jedenfalls ist ein Unterschied. Ein ordentlicher Tscheche besitzt irgendwo ein Wochenendhäuschen. Für diese Zeitgenossen gibt es sogar eigene Begriffe: „Chatař“ oder „Chalupař“. Dieses Detail sollten Sie auf jeden Fall kennen. Eine Chata ist ein Gebäude, das eigens für den Zweck eines Wochenendhäuschens errichtet wurde. Eine Chalupa dagegen hat in einer früheren Zeit einmal einem anderen Zweck gedient, also beispielsweise als Bauernhaus oder Werkstatt und wurde danach erst zum Feriendomizil umgebaut.

Weiterhin mögen die Tschechen gerne Bier und fleischlastige Kost. Nach den Worten meines Freundes seien Tschechen eher als Deutsche zu betrachten, die aber in der Regel kein Deutsch sprächen. Falls ich noch hinzufügen darf, ist es den Tschechen auch genauso wie den Deutschen eigen, daß sich immer Grund zur Klage über irgendetwas finden läßt.

Ich habe den Eindruck, daß die Tschechen noch etwas konservativer als die Deutschen sind. Beispielsweise ist das Platzangebot für Kinder unter drei Jahren in den staatlichen Einrichtungen auch hier in Prag sehr überschaubar. Normalerweise bleibt auch die Mutter mit den Kindern mindestens bis zum dritten Lebensjahr zu Hause. Bei zwei Kindern sind das dann schon fünf Jahre ohne Erwerbsarbeit. Nicht das ich gegen so einen Lebensentwurf irgendetwas einzuwenden hätte. Das ist aber dahingehend schon merkwürdig, da Tschechien auch unter Arbeitskräftemangel leidet. Nur in den größeren Städten ist derzeit ein Bevölkerungszuwachs zu verzeichnen. Vielleicht wird der Druck aus ökonomischer Hinsicht in der Zukunft größer, so daß die Politik hier auch weitere Angebote machen muß.

Die jüngeren Leute in Tschechen leben meiner Einschätzung nach genauso wie in anderen europäischen Ländern. Wohl auch eine Begleiterscheinung der europäischen Integration und der Globalisierung. Tschechen und Deutsche haben ja auch eine lange gemeinsame Vergangenheit und sicher auch noch eine gedeihliche Zukunft.

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